Pflanze des Monats: die Brennnessel


Bitte jetzt alle die Hände heben, die als Kind unliebsame Begegnung mit der Brennnessel gemacht haben! Jeder, der jemals beim Spielen hineingefallen, sich beim Himbeeren pflücken die Hände verbrannt oder beim Pipi machen im Gebüsch den Hintern „gezischt“ (so nannte das meine Uroma) hat weiß, dass die Pflanze aus der Familie der Brennnesselgewächse (Urticaceae) ihren Namen alle Ehre macht. Diese für viele eher lästige Eigenschaft erhebt sie allerdings zugleich zur „Königin der Heilpflanzen“ - das Auspeitschen mit einem Bund Brennnessel und die dadurch hervorgerufene durchblutungsfördernde Wirkung galt schon bei Pfarrer Sebastian Kneipp als geeignetes Mittel gegen Rheuma und Gicht.

Was die wenigsten wissen: die Brennnessel ist eine der gesündesten Wildpflanzen überhaupt und wirkt entgiftend und anregend durch ihre Inhaltsstoffe:

  • Flavonoide und Botenstoffe wie Acetylcholin und Histamin

  • Vitamine B, C, K, Provitamine und Eisen

  • Ameisensäure (in den Stacheln) und Kieselsäure für Haut und Haare

  • Phytohormone und Gerbstoffe (v.a. in den Wurzeln)

Als Tee oder zu Pulver vermahlen liefern getrocknete Blätter im Winter wertvolles Eisen und über den restlichen Jahreszeitenkreis hinweg, bieten frische Samen und Blätter in der Küche eine großartige Bereicherung. Gehackte Blätter in der Eierspeise, als Spinat zubereitet, die Samen im Brot verbacken oder über den Salat gestreut – der feine, leicht säuerliche bis nussige Geschmack ergänzt wirklich viele Gericht ganz hervorragend.

Mein absolutes Lieblingsgericht aus den ersten, frischen Blättern ist das Brennnesselrisotto. Für zwei Personen eine große Tasse Rundkornreis in 1-1,5 Liter Wasser waschen und abseihen. Brennnessel gut waschen und in das Reiswasser stopfen (so viele in den Topf passen), aufkochen und den Tee 10 Minuten ziehen lassen. Abseihen, den Tee auffangen und die Brennnessel pürieren (spätestens jetzt sind alle Nesseln verschwunden). 1 EL Butter schmelzen lassen und darin zwei klein gehackte Frühlingszwiebel und zwei schöne Sardellenfilets auf mittlerer Hitze braten, bis die Zwiebel glasig und die Sardellen fast aufgelöst sind. Die Hitze etwas hochschalten und den Reis drei, vier Minuten mitbraten bis alles ein wenig getoastet riecht. Mit einem kräftigen Schuss trockenem Weißwein ablöschen und die Flüssigkeit verdampfen lassen. Hitze auf Mittel zurückschalten, zwei Schöpfer Tee zum Reis geben und bei gelegentlichem Rühren verdampfen lassen. So lange wiederholen, bis der Reis al dente gekocht ist. Das Brennnesselpüree unterrühren und abschmecken. Mit Brennnesselsamen oder gerösteten Pinienkernen und ein wenig Sauerrahm und Parmesan garniert anrichten. Ihr werden begeistert sein!

Brennnesselsamen sind wahre Eiweißbomben. Die bereits reifen und daher bräunlich-gelben Samen lassen sich – je nach Klima – ab August ernten. Am schonendsten ist die Lufttrocknung an einem schattigen Ort, in der prallen Sonne oder bei über 40 Grad gehen wertvolle Inhaltsstoffe verloren. Getrocknet sind sie luftdicht verschlossen gut haltbar und runden fein-nussig Salat, Suppe, Müsli oder ein Butterbrot ganz köstlich ab. Im Winter, wenn Eiweiß aus der Natur sehr rar ist, bekommen Schweine und Federvieh Samen und getrocknete Blätter unter ihr Futter gemischt – eine wertvolle, vitaminreiche Ergänzung, die uns die Natur „frei Haus“ liefert.

Wer ganz genau hinsieht erkennt, dass zwei verschiedene Arten von Samen zu finden sind: einmal vom Stängel fast waagrecht abstehend und einmal herabhängend, wobei es sich bei ersten um den männlichen, bei letzteren um den weiblichen Samen handelt. Welcher der beiden einen höheren Gesundheitswert hat, darüber scheiden sich die Geister. Früher war es Nonnen und Mönchen übrigens verboten Brennnesselsamen zu essen, da eine aphrodisierende Wirkung beobachtet werden konnte.

Ich denke mir, da die Pflanze um Fortpflanzung bemüht ist, wird sie ihren Samen das Beste an Inhaltsstoffen mitgeben, was ihr zur Verfügung steht – wissenschaftliche Studien zu den Inhaltsstoffen der unterschiedlichen Samen konnte ich nicht finden. Beim Sammeln ergiebiger ist auf alle Fälle der weiblichen Samen, da dieser dicker, schwerer und in größerer Anzahl vorhanden ist.

Die gewöhnliche Brennnessel wächst in jedem Boden der einen hohen Stickstoffgehalt aufweist und kann bei nahrhaftem Boden gut und gerne eine Höhe von 2,5 Meter erreichen. Sofern beim Ernten die Wurzeln (wie z.B. Giersch oder Bambus bilden sie Rhizome aus) unverletzt bleiben, wächst sie äußerst üppig nach und bietet Nahrung für Menschen, Insekten und Wildtiere gleichermaßen.

Im Garten bereichert die Brennnessel als natürlicher Dünger in Jaucheform das Wachstum von Stickstoffzehrern wir Paradeiser und Paprika bzw. dient vorbeugend gegen Blattläuse und Spinnmilben. Einfach ein metallfreies Gefäß mit den gesamten oberirdischen Teilen der Pflanze füllen und mit Regenwasser bedecken; leicht zugedeckt an einem sonnigen Platz stehen lassen und alle 1-2 Tage umrühren – die Sauerstoffzufuhr ist für die Zersetzung wichtig. Die Jauche ist nach ca. zwei Wochen fertig, gegen den Geruch (und die Jauche stinkt gewaltig) hilft, Gesteinsmehl auf die Oberfläche des Gefäßes zu streuen. Beim Hantieren mit der Jauche Hautkontakt vermeiden, da es sonst zu Reizungen kommen kann und immer im Verhältnis 1:10 (Jauche:Regenwasser) verdünnt anwenden.

Der Familienname „Nettlebreaker“ oder „Nessler“ erinnert übrigens noch daran, dass früher zur Papier- und Seilherstellung oder Stofferzeugung die Brennnessel als regionale Ressource verwendet wurde.

Einen interessanten Beitrag zur Thema Gewinnung und Verarbeitung der Brennesselfaser kann ich hier weiterempfehlen: Textilien aus Brennnesseln. Zur Fasergewinnung wäre die „Fasernessel“ (Urtica fibra) nötig, die deutlich größer wird und einen höheren Faseranteil als ihre kleinere Schwester Urtica dioica hat. Ich denke mal, für den Erstversuch ist die Brennnessel aus unserem Garten genauso geeignet - mein Spinnrad steht schon bereit – die Zeit dazu muss ich noch finden.


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