Der erste Rückschlag im Gemüsegarten


Den ganzen Tag lag bereits eine merkwürdig drückende Schwüle in der Luft. Über dem Berg türmten sich die graue Wolken höher und höher auf, je später der Nachmittag wurde. Und ich hatte meine Urli im Ohr, die zu sagen pflegte: "Vor bleigrauen Himmel musst du dich hüten!"

Die Unwetterwarnung war kaum eingelangt und schon waren vereinzelte Körner zu hören, die auf dem Dachziegeln aufschlugen. Dann setzte der Regen ein und ich dachte schon, dass Schlimmste wäre an uns vorbeigezogen. Plötzlich stoppte der Niederschlag und es wurde mucksmäuschenstill, so als würde die Natur kurz Luft holen wollen.

Ein gewaltiger Donnerschlag durchbrach die Stille und er setzte er mit voller Wucht ein: Hagel! Wie Gewehrkugeln prasselten die Körner fast zehn Minuten auf die Landschaft nieder, danach folgte Starkregen, der im Nu die verstopften Abflüsse überlaufen ließ - darauf folgte noch einmal Hagel! Unsere Dachrinnen hielten der Wasser- und Hagelmenge nicht stand und rissen ab, die Wassermassen wälzten sich Richtung Erdkeller und Schweinestall. Blitz und Donner zum Trotz blieb uns nichts anderes übrig, wir mussten raus in das Unwetter um die Rinne zu reparieren und das Wasser vom Stall und Erdkeller fernzuhalten! Gemeinsam schafften wir, die Dachrinnen notdürftig zu reparieren und das Wasser vom Haus wegzuleiten. Bis über die Knöchel im Schlamm stehend schlug Christoph im Regen einen Graben vor dem Schweinestall, um Schlamm und Geröll abzuwenden.

Unser Reihbach, der normalerweise glasklar durch die Ortschaft plätschert und im Sommer zum Kühlen der Füße einlädt, hatte sich in eine schlammbraune, reißende Suppe verwandelt und trat über seine Ufer. Das Wasser schoss aus sämtlichen Überläufen die Wiesen und die Straße hinunter.

Bibbernd, mit halb erfrorenen Händen und Wasser in den Gummistiefeln stand ich unter dem Haustor und schaute zu, wie sich der Schlamm durch die Schweineweide und den Gemüsegarten wälzte und die frisch gesetzten Erdäpfel mitschwemmte. Die Pflanzentriebe waren unter den Hagelkörnern vergraben, was der Hagelschlag verschont hatte, erfror unter dem Eis.

Der sorgsam geplante und auf unsere Bedürfnisse ausgelegte Gemüsegarten sah nach dem Unwetter aus, als wäre eine Elefantenherde durchgetrampelt. Die unter Rexgläsern vorgezogenen Paradeiser und Gurken, die sorgsam gemulchten Rüben, die Heilkräuter für unsere Hausapotheke, die so geliebten Kirschen und Erdbeeren für den Obstkuchen - zerfetzt, plattgedrückt und erfroren. Die bereits ausgetriebenen Erdäpfel lagen ausgeschwemmt unter der Rosenstaude. Mir blutete das Herz - was für ein Rückschlag, dem Plan mit der Selbstversorgung wurde schlagartig ein Ende gesetzt!

Natürlich, wir sind keine "richtigen" Bauern und müssen (noch) nicht von unserem Gemüsegarten leben und Ertrag daraus erwirtschaften. Trotzdem wird jeder, der jemals Liebe, Zeit und Hingabe in einen Garten investiert hat - egal ob in der Form eines kleinen Balkons oder eines großen Nutzgartens - mein Gefühl der Enttäuschung nachvollziehen können.

Da hatte Mutter Natur ein ordentliches Lebenszeichen von sich gegeben! Wenigstens war bis auf ein paar gebrochene Dachziegel und ein paar Zentimeter Wasser im Stadel am Haus alles verschont geblieben und die Familie gesund und munter. Trotzdem standen mir die Tränen in den Augen...was nun? Einackern und Gemüse und Obst wieder im Supermarkt kaufen? Nix da! Am nächsten Tag zupfte ich zerrupfte Blätter ab, hackte zwischen den Gemüsereihen um den vom Regen ausgeschwemmten Boden zu belüften, goss Brennesseljauche an um die verbliebenen Pflänzchen zu stärken und am Nachmittag rief meine Omama an, ob ich Paradeiser und Gurkenpflanzen brauchen könne, sie hätte welche abzugeben...meine Oma der rettende Gemüsengel!

Und unsere Schweine? Die reckten nach dem Tohuwabohu die Schnauze aus dem Stroh, gähnten herzhaft und begannen im Schlamm zu wühlen...bei dem Anblick kam mir nur Balu der Bär in den Sinn "Look for the bare necessities, the simple bare necessities - forget about your worries and your strife!"


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