Gemüsesamen beizen...wie jetzt?!


Das Abbeizen von Möbeln oder das Beizen von Fleisch vor dem Braten war mir ein Begriff. In meinem Universalratgeber von John Seymour stolperte ich über den Vorschlag des Beizens von Gemüsesamen und stellte erstaunt fest, dass bereits die Ägypter und Römer ihr Saatgut dementsprechend vorbehandelten. Man lernt tatsächlich nie aus! In der modernen Landwirtschaft ist das Beizen zum Schutz vor Pflanzenkrankheiten mit zugelassenen chemischen Verbindungen Gang und Gäbe. Auf diese Weise soll die Keimfähigkeit des Saatgutes verbessert und Erkrankungen, die bereits im Keim auftreten, entgegengewirkt werden. Mit dem Beizen kann einem Vitalitätsverlust der Pflanzen, einer Qualitätsminderung bzw. im schlimmsten Fall dem Totalverlust der Ernte durch geschädigtes Saatgut vorgebeugt werden.

Als Verfechter des naturnahen Gärtnerns und des Selbstversorgens wollen wir natürlich möglichst biologische Beize verwenden, die dazu noch von uns selber herstellbar ist. Was liegt also näher, als im eigenen Kräuterbeet nach Möglichkeiten zu suchen? Und tatsächlich, die positive Wirkung von Kräutern lässt sich für Mensch, Tier und den Gemüsegarten nutzen!

  • Baldrian: in meinem Nachschlagewerk über alte Rezepte aus dem Klostergarten wird die Behandlung von allen Kohlsorten, Tomaten, Gurken, Zucchini, Zwiebeln und Poree mit Baldrianbeize empfohlen. Eine Handvoll getrocknete Baldrianblüten mit einem halben Liter Wasser überbrühen und über Nacht ziehen lassen. Einige Rezepte berichten über die Verwendung von Baldrianblütenextrakt, diesen hatte ich jedoch nicht zur Hand. Übrigens: auch Erdäpfel können eingelegt werden!

  • Kamille: 1 EL getrocknete (echte!) Kamille mit einem halben Liter Wasser überbrühen und über Nacht ziehen lassen. Empfohlen für Radieschen, Sellerie, Erbsen, Bohnen.

  • Knoblauch: 50 Gramm gehackten, möglichst frischen Knoblauch in einem halben Liter abgekochten Wasser ziehen lassen. Geeignet für Tomaten, Ringelblumen und Stauden, die leicht von Mehltau befallen werden. Ich pflanze Knoblauch generell gerne zwischen Erdäpfel, Erdbeeren und überall dort, wo ich Pilzbefall befürchte.

  • Magermilch: einen Viertel Liter Vollmilch aufkochen und mit der gleichen Menge abgekochten Wasser verdünnen. Ideal für Hülsenfrüchte, Gurken, Kürbis.

Die Kräuter haben eines gemeinsam: sie wirken antibakteriell, antimykotisch und stärkend. Warum Milch verwendet wird, konnte ich trotz Nachforschung nicht herausfinden. Was ich jedoch bestätigen kann ist, dass die Schale durch die Milchbeize schön weich wird und die Bohnen quasi über Nacht aus dem Boden schießen.

Ein Tipp am Rande: feinkörnige Samen in eine Stoffwindel oder dergleichen einwickeln, damit sie nicht in der Beize verloren gehen! Generell gilt: nach dem Einweichen die Samen so schnell wie möglich in den Boden bringen und eine Beiztemperatur von 50 Grad nicht überschreiten!

Für feinkörnige Samen wird eine Einwirkzeit von 15 Minuten empfohlen, gröbere Samen von Hülsenfrüchten und Kürbis können bis zu 24 Stunden einlegt werden.

Die vier oben beschriebenen Beizen wurden diese Gartensaison von mir verwendet, wie sich das auf mein Gemüse auswirken wird, werde ich im Herbst berichten. In der Literatur habe ich weiterhin Rezepte mit Urin und Jauche gefunden...zum Bepieseln meiner Samen konnte ich mich jedoch nicht überwinden...da bleibt jedem Gärtner/jeder Gärtnerin selber überlassen, wie weit er oder sie gehen möchte ;-).

Wie überall beim Gärtnern macht das Experimentieren Spaß und der Erfahrungsschatz wächst mit den Jahren!

Ein Hinweis für alle, die etwas zum Schmökern, Nachschlagen und Seele baumeln lassen suchen, mein Nachschlagewerk und Bilderbuch zugleich: "John Seymour - Das neue Buch vom Leben auf dem Lande". Anschaulich und detailliert bebildert werden viele Themen behandelt, von Nahrung aus der Natur, Milchwirtschaft und Vorratshaltung, über handwerkliche Fertigkeiten bis zur Energie und Abfallverwertung. Verfasst in den 70er Jahren, wirken manche Vorgehensweisen verstaubt und überholt, andere Themen haben nichts an ihrer Aktualität verloren und sind heute wichtiger den je.


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